Er kam durch die Tür und hatte mich. Groß, dunkelhaarig, mein Beuteschema. Heute, morgen, für immer.
Er beachtete mich kaum. Smalltalk mit den Gastgebern und dann sofort zum Buffet. Er schaufelte seinen Teller voll und aß, als hätte er wochenlang nichts gegessen. Theoretisch. In der Praxis sah
er teuer geschniegelt aus, keiner, der von Hartz IV lebt. Er einer der den anderen das sauer verdiente Geld aus der Tasche zieht und seinen Sieg mit Champagner begießt.
Kein Gewissen, keine Schuldgefühle. Mein Schicksal.
Heute, morgen. Für immer. Ich konnte mich kaum beherrschen, meine Blicke folgten ihm überall. Ich nippte an meinem Champagner.
Veuve Cliquot, teuer, süffig, für mich unerschwinglich.
Ich? Wer bin ich eigentlich? Jemand, der auf keinen Fall hierher gehört. Ob es mich kümmert? Nein, scheiß drauf, sagte mein Gewissen.
Einmal vor ungefähr hundert Jahren hatte ich ein Praktikum bei einem Boulevard Blättchen gemacht. Die alternde Chefredakteurin und ich wurden fast
Busenschwestern, obwohl ich 20 Jahre jünger und geschätzte 10 Kilo leichter war. Dank ihr ergatterte ich ab und zu Einladungen, die mich auf dem natürlichen Wege niemals erreicht hätten.
Ich existierte nicht, aber in dem Moment, wenn die Karte mit meinem Namen in meinen Briefkasten fiel, war ich wieder jemand. Meine billigen H&M Kleidchen wurden meisterhaft von mir
eigenhändig bestickt und konnten es mit jedem Escada Kleidchen mithalten.
Obwohl der Preis geschätzte 5000,- billiger war. Nein.
Günstiger. Den billig war ich auf keinen Fall. Und nicht dumm. Ich ignorierte die B-Movie Stars und ihre Kokain Angebote.
Die meisten schnupften es. Ich konnte es nicht ausstehen.
Männer, die es mir anboten, nannte ich Arschloch und ließ sie stehen. Mehr verdienten sie nicht. Die Frauen waren auch nicht besser.
Aber heute war ich nicht in der Stimmung für Sozialstudien.
Ich war eine Jägerin und meine Beute verschlang gerade kalten Lachs mit Kartoffelsalat. Eine sehr bodenständige Mischung.
Sofort nahm ich mir einen Teller und ging in Richtung Buffet.
Ich hatte den richtigen Riecher. Kaum war ich da, stand er hinter mir und tippte auf meine Schulter.
„Eine sehr interessante Mischung. So so, Lachs mit Kartoffelsalat. Ich bin hier also nicht der einzige Idiot.“
Ich lachte laut auf.
„ Dann habe ich sie also richtig eingeschätzt. Kaum als sie durch die Tür kamen, sagte ich mir, wie schön, noch ein Idiot unter uns!“
Er zuckte kurz zusammen und sammelte sich sofort.
„Sie haben ein sehr lockeres Mundwerk. Sind sie immer so mutig oder löst der Champagner ihre Zunge?“
„Weder noch. Es ist mein gesunder Menschenverstand. Ich bin eine Schnorrerin, ich zahle für nichts, genau wie sie, deswegen kann ich essen, trinken und beleidigen wen ich will. Ist das nicht befreiend?“
„Was tun sie beruflich?“
Er schien aus irgendeinem Grund das Thema wechseln zu wollen, was mir aber egal war. Ich stellte ihn mir gerade nackt vor, und hätte beinahe laut aufgelacht.
„Ich bin eine billigePputze. Ich habe Kunst studiert und Theaterwissenschaften. Was auf dem Papier toll aussah und klang ist im wirklichen Leben scheiße, wenn man die Miete zahlen und gleichzeitig anständig leben möchte.“
„Sie scherzen, sie sind mir eine Nudel! Was machen sie wirklich beruflich?“
Er war wirklich ein Idiot. Ich hatte ihm die Wahrheit erzählt, nur war meine Wahrheit nicht seine Wahrheit. Ich beschloss ihm Mist zu
erzählen, völligen Unsinn. Ich wusste, er würde mir alles abkaufen, wie alle Männer, die ein gepflegte Lüge einer unbequemen Wahrheit vorzogen.
Er sollte sie haben.
Ich lachte und warf meine Mähne zurück.
„Ich arbeite nicht. Das ist nicht mein Stil. Ich reise, ich schreibe ein wenig. Und mache Pilates. Lassen sie mich überlegen, ach, ich gehe mit meinem Hund Gassi. So, das ist mein Alltag. Und was machst du so beruflich, Arschloch?“
Fortsetzung folgt